Warum die Mundgesundheit im Alter zur allgemeinen Gesundheit gehört
Der Mund ist Werkzeug und Eintrittspforte zugleich. Über ihn wird gegessen, gesprochen und gelacht, und über ihn gelangen Bakterien in den Körper. Entzündetes Zahnfleisch bedeutet deshalb mehr als ein lokales Problem. Bei einer Parodontitis lösen sich Zahnfleisch und Knochen vom Zahn, es entstehen Taschen, in denen sich Bakterien vermehren. Diese Erkrankung ist im Alter weit verbreitet. Nach den Zahlen der 6. Deutschen Mundgesundheitsstudie weist rund die Hälfte der jüngeren Seniorinnen und Senioren eine Parodontitis im Stadium III oder IV auf, im Schnitt sind mehr als elf Zähne betroffen. Fachgesellschaften bringen eine schlechte Mundgesundheit unter anderem mit Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lungenentzündungen durch Verschlucken in Verbindung. Für Menschen mit Schluckstörungen ist das besonders relevant. Ebenso praktisch wirkt sich ein schmerzender Mund auf das Essen aus. Wer nicht mehr richtig abbeißen kann, greift zu weicher, oft kohlenhydratreicher Kost. Damit steigt das Risiko für Mangelernährung im Alter, die wiederum Muskelkraft, Wundheilung und Immunabwehr schwächt.
Was sich im Mund mit den Jahren verändert
Mundtrockenheit durch Medikamente
Speichel spült Essensreste weg, neutralisiert Säuren und schützt vor Karies. Mit dem Alter allein nimmt die Speichelmenge kaum ab, sehr wohl aber durch Medikamente. Entwässernde Mittel, Blutdrucksenker, Antidepressiva und Psychopharmaka gehören zu den bekannten Auslösern. Wer mehrere Präparate gleichzeitig einnimmt, spürt die Wirkung oft deutlich. Ein trockener Mund fühlt sich nicht nur unangenehm an. Prothesen halten schlechter und scheuern, die Schleimhaut wird verletzlicher, Karies entsteht schneller und Mundgeruch nimmt zu. Sprechen Sie die Hausarztpraxis an, wenn Sie einen Zusammenhang mit einem neuen Medikament vermuten. Manchmal lässt sich das Präparat wechseln oder die Einnahmezeit verschieben.
Zahnfleisch, freiliegende Zahnhälse und Wurzelkaries
Zieht sich das Zahnfleisch zurück, liegen die Zahnhälse frei. Diese Bereiche sind nicht von Schmelz geschützt und werden schneller kariös als die Kaufläche. Wurzelkaries ist deshalb typisch für den älteren Mund, sie verläuft oft schmerzarm und wird spät entdeckt.
Zahnersatz, der nicht mehr richtig sitzt
Der Kiefer verändert sich nach Zahnverlust, der Knochen bildet sich zurück. Eine Prothese, die vor fünf Jahren perfekt saß, kann heute wandern und Druckstellen verursachen. Kleine Wunden unter der Prothese bleiben unbemerkt, solange niemand nachsieht. Aus einer Druckstelle wird schnell eine Entzündung, gerade bei trockener Schleimhaut.
Anzeichen, bei denen Sie genauer hinsehen sollten
Achten Sie im Alltag auf diese Signale:
- entzündetes oder blutendes Zahnfleisch
- lockere Zähne oder eine Prothese, die plötzlich nicht mehr hält
- Beläge, Bläschen, weiße Stellen oder wunde Ecken an den Mundwinkeln
- anhaltender Mundgeruch
- Schwellungen im Mund- oder Gesichtsbereich
- Essensreste, die im Mund liegen bleiben
- Zurückweisen von harten Speisen wie Brotrinde oder Apfel
- Unruhe, Greifen ins Gesicht oder Abwehr beim Zähneputzen
Ein kurzer Blick in den Mund gehört einmal täglich dazu, am besten bei Tageslicht oder mit einer Taschenlampe. Wenn Sie regelmäßig auch die Haut kontrollieren, lässt sich das gut verbinden. Wie das in der Praxis abläuft, beschreibt unser Ratgeber zur Hautpflege bei pflegebedürftigen Menschen.
Mundpflege im Alter Schritt für Schritt
Zähne und Zahnzwischenräume
Putzen Sie mindestens zweimal täglich mit fluoridhaltiger Zahnpasta. Eine weiche bis mittelharte Bürste reicht, wichtiger als das Modell ist die Systematik. Arbeiten Sie immer in derselben Reihenfolge, damit keine Fläche vergessen wird, und putzen Sie vom Zahnfleisch zum Zahn. Die Zahnzwischenräume säubern Sie einmal täglich mit Interdentalbürsten. Für viele ältere Menschen sind sie leichter zu handhaben als Zahnseide, weil sie einen Griff haben. Die passende Größe zeigt Ihnen die Zahnarztpraxis.
Zunge und Mundschleimhaut
Ein Belag auf der Zunge beherbergt einen großen Teil der Bakterien im Mund und verstärkt Mundgeruch. Reinigen Sie die Zunge täglich mit einem Zungenreiniger oder der Zahnbürste, von hinten nach vorn und ohne Druck. Prüfen Sie dabei die Schleimhaut auf Rötungen, Beläge und wunde Stellen.
Herausnehmbaren Zahnersatz reinigen
Prothesen brauchen täglich eine gründliche mechanische Reinigung unter fließendem Wasser mit Prothesenbürste und Zahnpasta oder Flüssigseife. Dreimal pro Woche empfiehlt die Stiftung ZQP zusätzlich eine Intensivreinigung mit speziellen Reinigungstabletten. Halten Sie die Prothese über ein mit Wasser gefülltes Waschbecken oder ein Handtuch, damit sie beim Herunterfallen nicht bricht. Reinigen Sie auch die Kieferbereiche, auf denen die Prothese aufliegt.
Hilfsmittel, die das Putzen erleichtern
Nicht jede Hand kann eine dünne Zahnbürste noch sicher führen. Diese Hilfen sind in der Praxis bewährt:
- Griffverstärker oder ein Schaumstoffschlauch über dem Bürstengriff bei nachlassender Kraft
- elektrische Zahnbürsten mit dickem Griff, die einen Teil der Bewegung übernehmen
- Dreikopfbürsten, die Außen-, Innen- und Kaufläche gleichzeitig erreichen
- Prothesenbürsten mit zwei unterschiedlich geformten Borstenfeldern
- Zahnzwischenraum-Bürsten in mehreren Größen
Zahnbürsten und Zungenschaber aus Kunststoff sollten Sie nach vier Wochen austauschen, Zahnzwischenraum-Bürsten bereits nach einer Woche. Nach einer Infektion im Mundraum ist ein früherer Wechsel sinnvoll. Praktische Übersichten dazu bietet auch das Infomaterial zu gesunden Zähnen im Alter. Gegen Mundtrockenheit hilft ausreichendes Trinken von etwa 1,5 Litern täglich, sofern ärztlich nichts anderes vorgegeben ist. Den Speichelfluss regen außerdem zuckerfreie Kaugummis, gefrorene Fruchtstücke oder Zitronensorbet an.
Fast ein Drittel der älteren pflegebedürftigen Menschen braucht Hilfe bei der Mundpflege. In Pflegeeinrichtungen sind es rund 60 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner.
Mundpflege bei Demenz und körperlichen Einschränkungen
Abwehr beim Zähneputzen ist bei Demenz keine Sturheit, sondern meist eine Reaktion. Der Ablauf wird nicht mehr verstanden, die Situation fühlt sich bedrängend an oder etwas tut weh. Beginnen Sie deshalb nie mit der Bürste im Mund, sondern mit Ansprache und Blickkontakt. Was im Alltag hilft:
- die eigene Bewegung vormachen und die pflegebedürftige Person nachahmen lassen
- die Hand führen, statt selbst zu putzen, solange das möglich ist
- kurze, immer gleiche Sätze verwenden und den Ablauf jeden Tag beibehalten
- von hinten seitlich arbeiten, wenn frontales Gegenübersitzen als Bedrohung wirkt
- bei Ablehnung abbrechen und es eine halbe Stunde später erneut versuchen
Bleibt die Abwehr bestehen, steckt oft ein Schmerz dahinter, den die Person nicht mehr benennen kann. Dann lohnt sich der zahnärztliche Blick. Welche Veränderungen sonst noch auf eine beginnende Demenz hinweisen, lesen Sie in unserem Ratgeber zum Thema Demenz erkennen.
Was der Expertenstandard für die Pflege vorgibt
Der Expertenstandard Förderung der Mundgesundheit in der Pflege des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege liegt seit Januar 2023 in der abschließenden Fassung vor, der konsentierte Sonderdruck erschien bereits 2021. Er beschreibt, wie professionell Pflegende vorgehen sollen, und folgt dem Pflegeprozess in fünf Schritten.
- Einschätzung: Beim ersten Kontakt und bei Veränderungen wird die Mundsituation erfasst, inklusive Risikofaktoren wie Medikamente, Demenz oder Schluckstörungen.
- Planung: Die Maßnahmen werden gemeinsam mit der pflegebedürftigen Person und den Angehörigen festgelegt.
- Information und Anleitung: Betroffene und Angehörige erhalten praktische Anleitung, etwa zur Prothesenhandhabung.
- Umsetzung: Die Pflege unterstützt so viel wie nötig und so wenig wie möglich, um Selbstständigkeit zu erhalten.
- Evaluation: Die Wirkung wird regelmäßig überprüft und die Planung angepasst.
Der Standard hält außerdem fest, dass nicht jedes Problem im Mund pflegerisch zu lösen ist. Bei Schmerzen, Entzündungen, lockeren Zähnen oder schlecht sitzendem Zahnersatz gehört eine Zahnärztin oder ein Zahnarzt hinzugezogen. Unsere Pflegekräfte in der ambulanten Kranken- und Altenpflege arbeiten nach diesen Vorgaben und dokumentieren Auffälligkeiten im Mundbereich.
Zahnärztliche Leistungen bei Pflegebedürftigkeit
Menschen mit anerkanntem Pflegegrad und Personen mit Eingliederungshilfe haben nach § 22a SGB V einen eigenen Anspruch auf zahnärztliche Vorbeugung. Dazu zählen die Erhebung des Mundgesundheitsstatus, ein individueller Mundgesundheitsplan, die Aufklärung zur Mundpflege inklusive praktischer Anleitung sowie die Entfernung von Zahnstein. Diese Leistungen können zweimal je Kalenderjahr abgerechnet werden, also einmal pro Halbjahr. Die Einzelheiten regelt die Richtlinie nach § 22a SGB V. Viele Praxen kommen inzwischen auch nach Hause, wenn der Weg zur Praxis nicht mehr möglich ist. Fragen Sie danach ausdrücklich nach. Unabhängig davon gilt die Empfehlung, mindestens einmal jährlich eine zahnärztliche Kontrolle wahrzunehmen. Falls noch kein Pflegegrad vorliegt, finden Sie die einzelnen Schritte in unserem Ratgeber Pflegegrad beantragen.
Ihre persönliche Risiko-Einschätzung
Je mehr Punkte auf Sie oder Ihren Angehörigen zutreffen, desto höher ist das Risiko für Probleme im Mund:
- Schmerzen, Schwellungen oder Verletzungen im oder am Mund
- Probleme beim Essen und Kauen
- Probleme mit herausnehmbarem Zahnersatz
- Mundtrockenheit oder Mundgeruch
- Unterstützungsbedarf bei der Mundpflege
- höheres Lebensalter
- körperliche Beeinträchtigungen
- kognitive Beeinträchtigungen wie Demenz, psychiatrische Erkrankungen oder geistige Behinderung
- neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Schlaganfall
- Einnahme mehrerer Medikamente
- geringe Aufnahme von Nahrung oder Trinknahrung
Treffen mehrere Punkte zu, sprechen Sie uns an. In der Pflegeberatung der Diakoniestation Pforzheim gehen wir die Situation mit Ihnen durch und zeigen, welche Unterstützung sinnvoll ist.