Warum die Pneumonieprophylaxe im häuslichen Alltag so viel bewirkt

Die Lunge reinigt sich selbst, solange sie arbeitet. Beim tiefen Ein- und Ausatmen werden auch die kleinen Lungenbläschen belüftet, in denen eine Entzündung meist beginnt. Flimmerhärchen transportieren Schleim nach oben, Husten befördert ihn heraus.

Dieser Kreislauf gerät ins Stocken, sobald jemand flach atmet. Wer wegen Schmerzen schont, viel liegt oder sich kaum bewegt, belüftet die unteren Lungenabschnitte nicht mehr richtig. Dort sammelt sich Sekret, Bakterien vermehren sich, und aus einem harmlosen Infekt wird eine Pneumonie.

Die Zahlen dahinter sind ernüchternd. Jedes Jahr erkranken in Deutschland 400.000 bis 600.000 Menschen an einer ambulant erworbenen Lungenentzündung, etwa 20.000 sterben daran. Von den Patientinnen und Patienten, die stationär behandelt werden müssen, stirbt jeder fünfte noch im Krankenhaus, weitere 5 Prozent in den 30 Tagen nach der Entlassung. Ältere Menschen mit mehreren Vorerkrankungen tragen dabei das höchste Risiko.

Einen eigenen Expertenstandard des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege gibt es zur Pneumonieprophylaxe nicht. Die Standards zur Förderung der Mobilität und zum Ernährungsmanagement decken jedoch genau die Bereiche ab, auf die es hier ankommt.

Wer besonders gefährdet ist

Alter, Vorerkrankungen und Medikamente

Ab 65 Jahren steigt das Risiko deutlich. Dazu kommen eine geschwächte Abwehr, eine Herzschwäche und das Rauchen. Auch Medikamente spielen eine Rolle, etwa Schmerzmittel und Beruhigungsmittel, die die Atmung dämpfen.

Bettlägerigkeit, Schonatmung und Operationen

Nach Eingriffen im Brust- oder Bauchraum atmen viele Menschen bewusst flach, weil tiefes Einatmen schmerzt. Diese Schonatmung ist die häufigste Ursache für eine schlechte Belüftung nach einer Operation. Wer zusätzlich viel liegt, verstärkt den Effekt, weil die unteren Lungenabschnitte im Liegen ohnehin schlechter durchlüftet werden.

Bereits ein bis zwei dieser Risikofaktoren erhöhen die Gefahr einer Lungenentzündung spürbar.

Auch verstärkte Schleimbildung und häufiges Verschlucken beim Essen und Trinken gehören zu den Warnzeichen, die Angehörige ernst nehmen sollten.

Die vier Ansatzpunkte der Pneumonieprophylaxe

In der Pflege hat sich für diese vier Bereiche das Kürzel LISA eingebürgert. Es beschreibt, an welchen Stellen Sie ansetzen können.

Lungenbelüftung verbessern

Jede Form von Bewegung regt die Atmung an, vom Aufstehen über das Sitzen an der Bettkante bis zum kurzen Gang durch die Wohnung. Ergänzend helfen gezielte Atemübungen und atemunterstützende Lagerungen, die weiter unten Schritt für Schritt beschrieben sind.

Infektionen vermeiden

Krankheitserreger gelangen über die Hände und über den Mund in die Atemwege. Gründliches Händewaschen mit Seife und eine sorgfältige Mund- und Nasenpflege senken das Risiko direkt. Wie die Mundpflege bei Prothesen, Mundtrockenheit und eingeschränkter Beweglichkeit gelingt, lesen Sie im Beitrag zur Mundgesundheit im Alter.

Sekret lösen und abtransportieren

Zähes Sekret bleibt in den Bronchien liegen. Ausreichend trinken verflüssigt es, Inhalieren mit Kochsalzlösung unterstützt zusätzlich. Beim Sekretmanagement geht es außerdem darum, das Abhusten zu erleichtern, etwa durch eine aufrechte Position und durch eine Hand, die den schmerzenden Bauch beim Husten stützt.

Älterer Mann inhaliert zu Hause auf dem Sofa mit einem Vernebler

Aspiration vermeiden

Aspiration bedeutet, dass Speichel, Nahrung oder Magensaft in die Luftröhre gelangen. Das passiert oft unbemerkt, besonders bei Schluckstörungen und im Liegen. Zur Aspirationsprophylaxe gehört deshalb eine aufrechte Sitzposition bei jeder Mahlzeit, ruhiges Essen ohne Ablenkung und kein Trinken im Liegen.

Atemübungen, die zu Hause funktionieren

Sinnvoll sind drei- bis vier Einheiten pro Tag mit jeweils 5 bis 10 Minuten. Kurze Wiederholungen bringen mehr als eine lange Sitzung, weil die Belüftung über den Tag verteilt gleichmäßig bleibt.

Lippenbremse

Atmen Sie durch die Nase ein und lassen Sie die Luft anschließend gegen locker aufeinanderliegende Lippen ausströmen, so als wollten Sie eine Kerze langsam ausblasen. Der leichte Gegendruck hält die Atemwege offen und verhindert, dass die kleinen Bronchien beim Ausatmen zusammenfallen. Die Lippenbremse hilft auch bei akuter Atemnot.

Bauchatmung mit aufgelegten Händen

Legen Sie Ihre Hände flach auf den Bauch, oder lassen Sie sich die Hände von einem Angehörigen auflegen. Atmen Sie nun so ein, dass sich die Bauchdecke gegen die Hände hebt, und atmen Sie langsam durch den Mund wieder aus. Diese Rückmeldung über die Hände führt fast automatisch zu tieferen Atemzügen.

Ausatemübungen mit Strohhalm und Luftballon

Pusten Sie einen Wattebausch über den Tisch, blasen Sie einen Luftballon auf oder erzeugen Sie mit einem Strohhalm Blasen in einem Wasserglas. Der Widerstand beim Ausatmen wirkt ähnlich wie die Lippenbremse, macht aber mehr Freude und lässt sich gut zu zweit machen.

Atemübungen für Senioren mit wenig Kraft

Reicht die Puste für die Übungen oben nicht, helfen Bewegungsübungen im Sitzen. Kreisen Sie die Arme, heben und senken Sie sie im Atemrhythmus, oder singen und lachen Sie gemeinsam. Beides dehnt das Zwerchfell und vertieft die Atmung ganz von selbst.

Atemunterstützende Lagerung im Bett

Wer viel liegt, sollte die Position mehrmals täglich wechseln. Zwei leichte Kissen genügen für die meisten Varianten.

Oberkörperhochlagerung

Der Oberkörper wird erhöht gelagert, die Arme werden zusätzlich abgestützt. Eine Knierolle entspannt die Bauchmuskulatur und nimmt Zug vom Zwerchfell. Diese Position erleichtert die Atmung spürbar, belüftet die unteren Lungenabschnitte allerdings schlechter, weshalb sie nicht als Dauerlösung taugt.

VATI-Lagerung Schritt für Schritt

Bei der VATI-Lagerung formen Sie zwei leichte Kissen zu Schiffchen und legen sie in Form der Buchstaben V, A, T oder I unter den Rücken. Jede Variante belüftet einen anderen Lungenabschnitt.

  • A-Lagerung: Die Kissenspitzen enden in Höhe des Nackens, die Wirbelsäule liegt frei, die Arme ruhen auf den Kissen. Das belüftet die oberen Lungenabschnitte und entlastet das Steißbein.
  • V-Lagerung: Die Spitzen enden in Höhe des Steißbeins, was die Flanken belüftet.
  • T-Lagerung: Ein Kissen längs unter der Wirbelsäule, eines quer, was den Brustkorb dehnt und die Atemfläche vergrößert.
  • I-Lagerung: Ein Kissen längs unter der Wirbelsäule, ebenfalls zur Dehnung des Brustkorbs.

Legen Sie zusätzlich ein Kissen unter den Kopf und halten Sie die Position zwei- bis dreimal täglich für etwa 30 Minuten.

Seitenlagerung im Zweistundenwechsel

Die Seitenlagerung verhindert, dass sich Sekret an einer Stelle sammelt, und belüftet das oben liegende Lungensegment gut. Das obere Bein wird angewinkelt, der untere Arm ausgestreckt. Wird der obere Arm nach vorne und oben gelagert, dehnt sich der Brustkorb zusätzlich. Wechseln Sie die Seite alle zwei Stunden, damit alle Segmente an die Reihe kommen.

Bei bestehender Dekubitusgefahr gelten kürzere Intervalle von höchstens 30 Minuten, und die V-Lagerung bleibt außen vor. Sprechen Sie die Lagerung in diesem Fall mit der Pflegekraft ab.

Atemstimulierende Einreibung

Die atemstimulierende Einreibung beruhigt und vertieft die Atmung zugleich. Sie brauchen dafür nur eine Lotion und etwa 5 bis 10 Minuten Zeit.

Pflegekraft legt die Hand auf den Rücken einer älteren Frau am Fenster

Geben Sie die Lotion auf die Hände, wärmen Sie sie an und beginnen Sie am Nacken. Legen Sie die Handflächen ganz auf, die Finger bleiben geschlossen. Ziehen Sie nun spiegelsymmetrische Kreise abwärts bis zum unteren Rippenbogen. Die Abwärtsbewegung fällt in die Ausatmung und wird mit etwas mehr Druck ausgeführt, die Aufwärtsbewegung in die Einatmung.

Wichtig ist der durchgehende Hautkontakt. Erst wenn eine Hand wieder am Nacken aufliegt, folgt die zweite. Atmen Sie selbst ruhig und gleichmäßig und unterhalten Sie sich währenddessen nicht, denn der Rhythmus überträgt sich. Zum Abschluss streichen Sie mit beiden Händen entlang der Wirbelsäule von oben nach unten aus.

Trinken, Bewegung, Mundpflege und Impfschutz

Vier Alltagsgewohnheiten stützen alles, was Sie an Übungen und Lagerungen tun.

Trinken hält das Bronchialsekret dünnflüssig. Wie viel im Einzelfall sinnvoll ist, hängt von Herz und Nieren ab, weshalb Sie die Menge bei einer Herzschwäche ärztlich abklären lassen sollten. Woran Sie ein Flüssigkeitsdefizit erkennen, steht im Beitrag zur Mangelernährung im Alter.

Bewegung regt die Atmung an, auch in kleinen Portionen. Jeder Gang zum Fenster zählt. Weil Unsicherheit beim Gehen viele Menschen im Sessel hält, lohnt ein Blick auf die Ursachen von Stürzen im Alter. Nebenbei hält jeder dieser Wege die Gelenke beweglich. Welche Übungen einer Versteifung zusätzlich vorbeugen, erklärt der Ratgeber zur Kontrakturenprophylaxe.

Schmerzen gehören behandelt, sonst entsteht die Schonatmung von selbst. Sprechen Sie die Hausarztpraxis an, wenn jemand wegen Schmerzen flach atmet oder das Abhusten vermeidet.

Beim Impfschutz empfiehlt die Ständige Impfkommission allen Menschen ab 60 Jahren eine einmalige Pneumokokken-Impfung mit dem Konjugatimpfstoff PCV20. Ergänzend sinnvoll ist die jährliche Grippeimpfung, weil eine Influenza häufig in eine Lungenentzündung übergeht.

Warnzeichen, bei denen Sie ärztlich abklären lassen

Rufen Sie die Hausarztpraxis an, wenn eines dieser Zeichen auftritt.

  • Atemnot, schnelle flache Atmung oder eine Atemfrequenz über 20 Zügen pro Minute in Ruhe
  • Fieber, Schüttelfrost oder umgekehrt eine ungewöhnlich niedrige Körpertemperatur
  • neu aufgetretene Verwirrtheit, Schläfrigkeit oder ein plötzlicher Kräfteverlust
  • Husten mit gelblichem, grünlichem oder blutigem Auswurf
  • Schmerzen beim Atmen, bläuliche Lippen oder Fingernägel

Ältere Menschen entwickeln oft kein Fieber. Eine plötzliche Verwirrtheit ohne erkennbaren Anlass ist bei ihnen ein ebenso ernstes Signal.

Was die Diakoniestation Pforzheim übernimmt

Unsere Pflegekräfte führen atemunterstützende Lagerungen und Einreibungen im Rahmen der Pflegeeinsätze durch und zeigen Angehörigen die Handgriffe direkt am Bett. Ärztlich verordnete Behandlungspflege wie Inhalationen, Injektionen und die Gabe von Medikamenten gehört ebenfalls zu unserer ambulanten Kranken- und Altenpflege.

Wenn Sie die Übungen selbst übernehmen möchten, ist unsere Pflegeberatung der passende Weg. Die Pflegeschulung zu Hause ist für pflegende Angehörige kostenfrei. Wir kommen zu Ihnen, sehen uns die Wohnsituation an und üben gemeinsam, was im Alltag machbar ist. Bei der Qualitätsprüfung des Medizinischen Dienstes im April 2026 hat die Diakoniestation Pforzheim die Note 1,0 erhalten.