Anzeichen: Woran Sie eine Mangelernährung erkennen

Die Symptome einer Mangelernährung sind unspezifisch. Einzeln betrachtet lässt sich fast jedes davon anders erklären, deshalb lohnt es sich, mehrere Beobachtungen zusammenzunehmen, statt auf ein eindeutiges Zeichen zu warten. Am aussagekräftigsten ist der Blick auf das Gewicht. Ungewollter Gewichtsverlust fällt im Alltag meist an Kleidung auf, die plötzlich lose sitzt, an einem Ehering, der vom Finger rutscht, oder daran, dass der Gürtel enger geschnallt werden muss. Später verändert sich auch das Gesicht, es wirkt eingefallen, Arme und Beine werden sichtbar dünner. Die Haut wird blass und trocken, Nägel brechen leichter, das Haar wird dünner. Parallel dazu lässt die Kraft nach. Das Aufstehen vom Stuhl fällt schwerer, der Gang wird unsicherer, kleine Wege im Haus dauern länger. Wunden brauchen auffällig lange, bis sie abheilen und Erkältungen häufen sich. Ein trockener Mund, rissige Lippen und dunkler Urin deuten zusätzlich darauf hin, dass zu wenig getrunken wird. Genauso wichtig sind die Veränderungen im Verhalten. Appetitlosigkeit im Alter zeigt sich selten als klare Aussage, sondern daran, dass Mahlzeiten ausgelassen oder nur angerührt werden. Viele Betroffene klagen, dass alles fad schmeckt oder nichts mehr richtig riecht. Dazu kommen Müdigkeit, Antriebslosigkeit und der Rückzug aus Dingen, die früher selbstverständlich waren. Ein Blick in den Kühlschrank verrät oft mehr als ein Gespräch: Wenn Eingekauftes unangetastet bleibt und sich abgelaufene Lebensmittel sammeln, wird seit Längerem nicht mehr richtig gegessen.

Faustregel für Angehörige: Wer innerhalb von drei Monaten mehr als fünf Prozent seines Körpergewichts ungewollt verliert, sollte ärztlich abgeklärt werden. Bei 70 Kilogramm sind das bereits dreieinhalb Kilo.

Wiegen Sie deshalb regelmäßig, am besten einmal wöchentlich zur selben Tageszeit und mit vergleichbarer Kleidung und notieren Sie das Ergebnis. Ein Gewichtsverlauf über acht Wochen sagt mehr aus als jede Momentaufnahme und ist beim Arztbesuch ein handfestes Argument.

Ursachen: Was hinter der Mangelernährung steckt

Selten gibt es nur einen Grund. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen, die sich gegenseitig verstärken und genau deshalb greift es zu kurz, nur an der Ernährung anzusetzen.

Veränderungen, die zum Älterwerden gehören

Mit den Jahren verändern sich Hungergefühl, Geschmacksempfinden, Geruchssinn und Trinkverhalten. Das Durstgefühl lässt spürbar nach, weshalb ältere Menschen oft zu wenig trinken, ohne es überhaupt zu bemerken. Gleichzeitig sinkt der Energiebedarf, weil weniger Bewegung stattfindet, der Eiweißbedarf aber bleibt gleich oder steigt sogar. Wer einfach weniger isst, deckt seinen Eiweißbedarf deshalb schnell nicht mehr, obwohl die Portionsgröße subjektiv noch passend wirkt.

Probleme beim Essen selbst

Manchmal liegt es schlicht daran, dass Essen mühsam oder unangenehm geworden ist. Schluckstörungen nach einem Schlaganfall oder bei neurologischen Erkrankungen führen dazu, dass Betroffene bestimmte Speisen meiden, ohne den Grund zu benennen. Eine schlecht sitzende Zahnprothese, Druckstellen oder Zahnschmerzen machen aus jeder Mahlzeit eine Anstrengung. Zittrige oder eingeschränkt bewegliche Hände erschweren das Führen von Besteck und wenn das Sehen nachlässt, wird das Essen auf dem Teller schwer zu erkennen und verliert seinen Reiz.

Krankheiten, Medikamente und Klinikaufenthalte

Erkrankungen des Magen-Darm-Systems, Tumorerkrankungen, chronische Entzündungen und Infekte erhöhen entweder den Bedarf oder senken die Aufnahme, häufig beides zugleich. Viele Medikamente verursachen Übelkeit, Mundtrockenheit oder Geschmacksveränderungen, was besonders bei mehreren Präparaten gleichzeitig ins Gewicht fällt. Nach Operationen oder längeren Krankenhausaufenthalten kommen Menschen oft mit deutlich weniger Gewicht nach Hause, als sie gegangen sind, ohne dass dieser Verlust anschließend jemand systematisch im Blick behält.

Demenz, Depression und Einsamkeit

Bei einer Demenz geraten Mahlzeiten in Vergessenheit, das Hungergefühl wird nicht mehr richtig zugeordnet, oder der Ablauf des Essens selbst wird zum Problem. Wenn Sie unsicher sind, ob Vergesslichkeit noch altersgemäß ist, hilft der Beitrag zum Thema Demenz frühzeitig erkennen weiter. Ebenso wichtig und oft unterschätzt ist die soziale Seite. Wer allein isst, isst weniger. Nach dem Verlust des Partners bricht bei vielen Menschen die Struktur der Mahlzeiten weg. Kochen für eine Person lohnt sich gefühlt nicht mehr, das Brot vom Vortag reicht auch und aus dieser Gewohnheit wird über Monate ein echtes Defizit. Eine Depression verstärkt diesen Rückzug zusätzlich, weil Appetitlosigkeit zu ihren häufigsten Begleiterscheinungen zählt.

Folgen: Was passiert, wenn ältere Menschen zu wenig essen

Bei anhaltendem Defizit greift der Körper auf die Muskulatur zurück, um seinen Energiebedarf zu decken. Das ist die folgenreichste Konsequenz, weil Muskelmasse im Alter kaum von selbst zurückkommt und ihr Verlust unmittelbar auf die Selbstständigkeit durchschlägt. Sinkende Muskelkraft bedeutet ein deutlich erhöhtes Risiko für Stürze im Alter und ein Sturz mit Bruch verändert für viele ältere Menschen den gesamten weiteren Verlauf. Gleichzeitig arbeitet das Immunsystem schlechter, Infekte werden häufiger und dauern länger. Wunden heilen verzögert, das Risiko für Druckgeschwüre steigt. Kreislaufprobleme, Schwindel und Konzentrationsstörungen kommen hinzu und verstärken die Sturzgefahr weiter. Wer in dieser Verfassung ins Krankenhaus muss, bleibt länger dort und erholt sich schlechter. Die gute Nachricht: Eine Mangelernährung im Alter lässt sich in vielen Fällen wieder ausgleichen, wenn sie früh erkannt und die Ursache behandelt wird. Je länger sie besteht, desto mühsamer wird das Gegensteuern, weil verlorene Muskelmasse aufwändig wieder aufgebaut werden muss.

Vorbeugen und gegensteuern: Was im Alltag hilft

Die folgenden Empfehlungen stammen aus der täglichen Arbeit unserer Pflegekräfte. Sie lassen sich ohne großen Aufwand umsetzen und wirken oft schneller als komplizierte Ernährungspläne. Wer tiefer einsteigen möchte, findet beim Projekt Fit im Alter der DGE Praxismaterialien für die Ernährung im Pflegealltag.

Den Appetit anregen

Der wichtigste Punkt ist zugleich der einfachste: Essen und Trinken sollen schmecken und Freude machen. Eine angenehme Umgebung, appetitliche Gerüche und ein hübsch gedeckter Tisch tun dabei mehr als jede Ermahnung. Achten Sie außerdem auf die Portionsgröße, denn ein voller Teller schreckt eher ab als ein kleiner, der bei Bedarf nachgefüllt wird. Mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt werden meist besser angenommen als drei große. Würzen Sie kräftiger als früher, weil das Geschmacksempfinden nachlässt und fade Speisen kaum noch Appetit machen. Süß wird übrigens am längsten wahrgenommen. Ein süßer Nachtisch oder ein Milchbrei wird häufig noch gegessen, wenn Herzhaftes schon liegen bleibt. Wo immer es möglich ist, sollte gemeinsam gegessen werden, weil Gesellschaft am Tisch die Menge oft mehr beeinflusst als der Inhalt des Tellers.

Das Essen anpassen und anreichern

Bei Kau- oder Schluckproblemen hilft es, kleine Häppchen zu schneiden oder einzelne Komponenten zu pürieren, etwa Fleisch, Obst und Gemüse. Nahrhafte Suppen und Breie eignen sich gut für Frühstück und Abendessen, weil sie wenig Anstrengung erfordern und trotzdem sättigen. Wenn die Menge insgesamt zu gering bleibt, lassen sich Mahlzeiten gezielt anreichern, zum Beispiel mit Sahne, Butter, Öl, Milchpulver oder Eiweißpulver. So steigt der Nährwert, ohne dass der Teller voller wirkt. Wie viel Energie und Eiweiß ältere Menschen brauchen, zeigen die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Sprechen Sie die Möglichkeit von Trink- oder Sondennahrung rechtzeitig mit dem Hausarzt an und nicht erst, wenn nichts anderes mehr funktioniert. Prüfen lassen sollten Sie außerdem Sitz und Reinigung der Zahnprothese sowie den Verdacht auf eine Schluckstörung, damit die Konsistenz der Nahrung entsprechend angepasst werden kann. Für viele Beeinträchtigungen gibt es zudem passende Hilfsmittel, etwa Spezialbesteck, Tellerranderhöhungen, rutschfeste Unterlagen oder Trinkbecher mit Nasenaussparung. Gegessen und getrunken wird am besten aufrecht sitzend am Tisch, das erleichtert das Schlucken spürbar.

Das Trinken sicherstellen

Weil das Durstgefühl nachlässt, funktioniert die Frage „Hast du Durst?“ im Alter selten. Bieten Sie stattdessen zu jeder Mahlzeit ein Getränk an, ohne zu fragen und führen Sie feste Trinkzeiten als Ritual ein, etwa ein Glas direkt nach dem Aufstehen und eines zu jeder Tablette. Süße und farbige Getränke werden oft besser angenommen als reines Wasser und wasserreiche Lebensmittel wie Suppen, Joghurt oder Obstkompott zählen ebenfalls zur Trinkmenge. Hilfreich ist außerdem eine gefüllte Karaffe in Sichtweite auf dem Tisch statt einer Flasche in der Küche. An heißen Tagen sowie bei Fieber oder Durchfall steigt der Bedarf deutlich, darauf sollten Sie besonders achten. Welche Folgen ein Flüssigkeitsmangel haben kann, erklären die unabhängigen Gesundheitsinformationen des IQWiG.

Ein Ernährungs- und Trinkprotokoll über eine Woche klingt nach Bürokratie, liefert aber genau die Zahlen, die beim Arzttermin zählen. Notieren Sie, was und wie viel tatsächlich gegessen und getrunken wurde, nicht was angeboten wurde.

Wer unterstützt und wer bezahlt das

Niemand muss die Versorgung allein stemmen. Wenn Einkaufen, Kochen oder das Zubereiten der Mahlzeiten nicht mehr zuverlässig klappt, gibt es dafür mehrere Wege. Eine hauswirtschaftliche Unterstützung übernimmt Einkauf, Kochen und die Kontrolle der Vorräte, damit im Kühlschrank nicht monatelang dasselbe steht. Ein ambulanter Pflegedienst kann darüber hinaus bei den Mahlzeiten anreichen und den Ernährungszustand regelmäßig im Blick behalten. Eine Ernährungsberatung durch Fachkräfte lässt sich ärztlich verordnen. Außerdem gibt es verschiedene „Essen auf Rädern“-Angebote bei lokalen Dienstleistern, weitere Alltagshilfen bündeln unsere mobilen Dienste. Für die Finanzierung ist der Pflegegrad der Schlüssel. Wie der Antrag abläuft und worauf es bei der Begutachtung ankommt, lesen Sie im Beitrag zum Pflegegrad beantragen. Welche Leistungen die Pflegekasse je Pflegegrad übernimmt, steht in der Übersicht zu den Pflegesachleistungen. Einen bundesweiten Überblick bietet die Übersicht der Pflegeleistungen des Bundesgesundheitsministeriums. Wichtig zu wissen: Eine Mangelernährung allein führt nicht automatisch zu einem Pflegegrad. Entscheidend ist, wie selbstständig die Person ihren Alltag noch bewältigt. Wenn Einkaufen, Zubereiten und Essen nur noch mit Hilfe funktionieren, fließt das in die Bewertung ein.

Wann Sie ärztlichen Rat einholen sollten

Zeitnah zum Arzt sollten Sie bei mehr als fünf Prozent Gewichtsverlust in drei Monaten oder mehr als zehn Prozent in sechs Monaten. Das Gleiche gilt, wenn Mahlzeiten über mehrere Tage hinweg kaum noch angerührt werden, wenn sich beim Essen oder Trinken Husten und Verschlucken häufen, wenn Verwirrtheit, Schwindel oder Stürze deutlich zunehmen oder wenn Wunden nicht abheilen. Beim Termin helfen konkrete Angaben weiter: der Gewichtsverlauf, die ungefähre Trinkmenge, eine aktuelle Medikamentenliste und eine kurze Notiz dazu, seit wann sich etwas verändert hat. Ärztlich stehen erprobte Screening-Verfahren zur Verfügung, etwa das Mini Nutritional Assessment (MNA) speziell für ältere Menschen oder das Nutritional Risk Screening (NRS) im Klinikbereich. Fachlichen Hintergrund liefert die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin zur klinischen Ernährung in der Geriatrie.